Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist eine historisch gewachsene Institution. Schon im 17. Jahrhundert halfen Bettage bahnbrechend mit, weltanschauliche und politische Gräben zu überbrücken. An diese Tradition will die EVP Schweiz mit ihrer jeweils am Samstag vor dem eidgenössischen Bettag stattfindenden Bettagskonferenz anknüpfen.
Die diesjährige Konferenz von heute Samstag mit rund 120 Teilnehmenden im Stadttheater Olten hat mit dem Thema „Verschuldung: Wege in die Freiheit“ eine gesellschaftlich wie auch politisch aktuelle Frage aufgegriffen. Die globale Finanzkrise, die zunehmende Jugendverschuldung, das boomende Kleinkreditgeschäft oder auch die öffentliche Entschuldigung Australiens bei seinen Ureinwohnern sind nur einige Beispiele. Die Kultur des Schuldenmachens ist tief in der Menschheitsgeschichte verankert – mit schwerwiegenden Folgen. Mit der Bettagskonferenz will die EVP Wege aus der Schuldenfalle in die Freiheit aufzeigen – ohne parteipolitische Scheuklappen aber mit dem Ziel der Vernetzung und Sensibilisierung von Menschen, die wissen, was frei sein von Schulden bedeutet.
Globale Kultur des Schuldenmachens – die Ausbreitung der Gier
Nach einer Begrüssung von Parteipräsident Heiner Studer und einer besinnlichen Einleitung von EVP-Kantonsrat und Pfarrer René Steiner hielt Prof. Prabhu Guptara, Leiter der Ausbildungsstätte Wolfsberg, das Einstiegsreferat mit dem Titel „Die globale Kultur des Schuldenmachens.“ Seine Hauptaussage: Die einzigen Kulturen im Lauf der Geschichte, die nicht von der Kultur des Schuldenmachens geprägt waren, seien biblische Gesellschaften gewesen. Das Sündenregister der heutigen Wirtschaft sei hingegen lang: die Vermischung von Bank- und Versicherungsgeschäften, die Entkoppelung der staatlichen Geldmenge von zugrundeliegenden Vermögenswerten, die falschen Anreizstrukturen sowie die hemmungslose Entschädigungspolitik, das Auslagern von Schulden aus der Bilanz von Unternehmen und Regierungen sowie von Jobs in Niedriglohnländer ohne wirksame Umweltstandards, das staatliche Werben für Lotterien, die nichts als eine Steuer auf Dummheit seien, um nur einige zu nennen. Eine um die andere würden auf diese Weise alle schützenden Barrieren gegen eine hemmungslose Gier eingerissen.
Staatsverschuldung in der Schweiz – Leben auf Kosten künftiger Generationen
Nach dieser globalen Perspektive beleuchtete Peter Siegenthaler, Direktor der eidgenössischen Finanzverwaltung, die Staatsverschuldung in der Schweiz. Diese sei zunächst nur eine finanzielle Verpflichtung, habe aber auch eine moralische Dimension, indem wir heute auf Kosten künftiger Generationen leben würden. Die Schulden der öffentlichen Hand seien zwar im internationalen Vergleich noch immer moderat, zu denken gebe aber der deutliche Anstieg vor allem in den 90er Jahren. Die Schweiz habe sich weniger für langfristige Infrastrukturprojekte, sondern viel mehr für laufenden Konsum verschuldet, was nicht nachhaltig sei. Der grösste Irrtum der Finanzpolitik sei die Annahme, dass sich der staatliche Handlungsspielraum durch Verschuldung vergrössere. Es müsse im Gegenteil das Ziel der Finanzpolitik sein, die Verschuldung zu stabilisieren und langfristig abzubauen.
Private Verschuldung konkret – Chancen und Grenzen der Schuldenberatung in der Schweiz
Die private Verschuldung vieler Menschen machte Martin von Känel, Leiter der Schuldenberatungsstelle Berner Oberland, zum Thema seines Referates „Hoffnungslos verschuldet? Chancen und Grenzen der Schuldenberatung in der Schweiz.“ Das Gesetz schaffe in der Schweiz die Möglichkeit erfolgreicher Sanierungen. Es fehle aber an Fachleuten, die es umsetzen würden: es gebe zu wenig Schuldenberatungsstellen und sie seien zu schwach dotiert. Hindernisse für eine erfolgreiche Sanierung seien unter anderem: eine instabile Persönlichkeit, Suchtprobleme, der gültige Konsumexistenzialismus („ich shoppe, also bin ich“) oder auch unterschiedliche Wertvorstellungen bei Menschen aus anderen Ländern. Als Forderungen an die Politik formulierte von Känel: den Ausbau der Beratungsstellen mit Abgaben aus Lotterien, Spielbanken und der Kleinkreditindustrie, die Quellenbesteuerung sobald Steuerausstände da sind und die Präventionsarbeit an Schulen.
Die Kraft der Vergebung – von persönlicher Schuld zu innerer Freiheit
Anschliessend kam Geri Keller, Pfarrer der reformierten Landeskirche und Gründer der Stiftung Schleife, auf das persönliche Verschulden zu sprechen. Wir alle würden immer wieder in der Schuld Gottes stehen! Doch wenn wir unsere persönliche Schuld bekennen, würden wir Gott erfahren, weil er sich in Jesus Christus mit unserer Schuld identifiziert habe. Vergebung bedeute Freisetzung zur eigenen Identität und zu einem erfüllten Leben. Oft brauche es nicht mehr als ein simples „I’m sorry“, aber wie lange müsse man zuweilen auf diese entscheidenden Worte warten! Hier stünden wir alle in der Verantwortung: wir hätten die Aufgabe der Versöhnung. Ohne Kreuz gehe es nicht, wie Pfarrer Ernst Sieber oder auch Niklaus von Flüe gezeigt hätten: nur was im Herzen und in der persönlichen Beziehung zwischen Gott und dem Menschen beginne, habe relevante gesellschaftliche und politische Auswirkungen. „Nur wer ein zerbrochenes Herz hat, weiss, dass er auf die Gnade des lebendigen Gottes angewiesen ist!“
Folgerungen für die politische Arbeit auf christlicher Grundlage
Nachdem sich dieser Reigen aus internationaler, staatlicher, privater und persönlicher Verschuldung und möglichen Wegen daraus geschlossen hatte, war es an Stadträtin Maja Ingold, Vorsteherin des Departementes Soziales der Stadt Winterthur, Folgerungen für die politische Arbeit auf christlicher Grundlage zu ziehen. Wie immer in der Politik gebe es auch in der Sozialhilfe Rechte und Pflichten, die der Staat den in Not geratenen Menschen schulde, diese aber auch dem Staat. Missbrauch werde bekämpft, wer erwischt werde, müsse eine Schuldanerkennung unterschreiben und riskiere einen Eintrag im Strafregister. Seit nunmehr sechs Jahren habe sie immer wieder schwierige Abwägungen zwischen verschiedenen Rechten zu machen und zu verantworten. In diesem täglichen Bemühen könne sich letztlich eine christliche Politik zeigen. Wer andere ernst nehme, ihnen mit Achtung und Respekt begegne, auf Augenhöhe und mit Geduld: der ermögliche es anderen neue Perspektiven zu entwickeln, auch wenn er beispielsweise in einem Strafverfahren bitter zahlen und büssen müsse. Diese Haltung gelte generell, wie sie im „Unser Vater“ aufgezeigt sei: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.“
Abschliessend stellten sich die Referentin und die Referenten auf einem Podium den Fragen des Publikums, die sich naturgemäss stark um die aktuelle Bankenkrise drehten. Peter Siegenthaler meinte auf ein mögliches Eingreifen des Staates angesprochen, dass man im Krisenfall abwägen müsse zwischen den Kosten einer Intervention und den Kosten die entstehen, wenn man nicht eingreife. Denn die volkswirtschaftlichen Schäden eines Zusammenbruchs würden ja alle treffen, und nicht nur jene, die dafür verantwortlich sind. Glücklicherweise stelle sich diese Frage momentan in der Schweiz aber nicht und die politisch Verantwortlichen hätten sich nicht damit zu befassen.
Olten, den 20. September 2008/nh