«Inklusion erinnert uns alle daran, für wen wir Politik machen: für alle.»

Interview mit Grossratspräsident Urs Plüss

Urs Plüss ist «Höchster Aargauer». Der EVP-Grossrat aus Zofingen wurde am 6. Januar 2026 zum Grossratspräsidenten für das Jahr 2026 gewählt. In dieser ehrenvollen Funktion leitet er die Parlamentssitzungen des Grossen Rates und vertritt den Kanton Aargau gegen innen und aussen. Was dieses Präsidialjahr für die EVP bedeutet und wie er sein Motto «Inklusion» zum Thema machen möchte, erzählt er im Interview.

 

Urs Plüss, herzliche Gratulation zur Wahl als Aargauer Grossratspräsident. Die Wahl stand eigentlich ja schon zwei Jahre zuvor fest mit deiner Wahl ins Vize-Präsidium. War es für dich dennoch ein besonderer Moment? 
Man muss immer zuerst gewählt werden. Auch wenn es in der Geschichte noch nie vorkam, dass ein Vize nicht gewählt wurde, war ich ein wenig nervös. Aber nach quasi einer 2-jährigen Lehre hatte ich schon das Gefühl, ich sei nun bereit und es müsste klappen. 

Das Wahlresultat lässt sich sehen: 123 von 131 Stimmen. Ist das Ausdruck der Stellung von dir und der EVP im Rat? 
Das müssten andere beantworten. Aber wir arbeiten als EVP mit allen Partein gut zusammen und das lässt sich bei diesem Resultat ablesen. 

Als Ratspräsident darfst du zu den Geschäften keine Voten halten und nur bei Stichentscheid abstimmen. Wird dir das schwer fallen? 
Bei uns darf der Ratspräsident tatsächlich immer abstimmen. Aber bei Stimmengleichheit ist meine Stimme sogleich der Stichentscheid, zählt dann eigentlich doppelt. Wobei ich mir keinen Stichentscheid wünsche. Ich habe lieber Abstimmungen, bei denen eine klare Mehrheit zustimmen oder ablehnen kann. Schon als Vize hatte ich keine Voten mehr. Das hatte mich herausgefordert und ich musste mich in Geduld üben. 

Du bist schon seit 2013 im Grossen Rat. Wie hat sich der Ratsbetrieb in dieser Zeit verändert? 
Zum Glück sind wir viel digitaler unterwegs als zu Beginn, auch wenn es viel Energie und Überzeugung braucht. Auch hat Social Media einen grösseren Einfluss. Sehr oft werden Vorstösse bereits Wochen vor dem eigentlichen Einreichen publiziert und diskutiert. Die Effekthascherei hat stark zugenommen. Auch hält man Voten explizit nur für die Medien. 

Welche Verantwortung trägt der Präsident für den Stil und die Qualität der Ratsdebatten? 
Ich bin der Meinung, dass der Präsident hier einen grossen Einfluss hat. Man muss nicht alles einfach tolerieren. Vieles kläre ich im persönlichen Gespräch: Entweder gehe ich nach der Sitzung direkt auf die betreffenden Personen zu oder rufe sie am nächsten Tag an, wenn der Ton nicht angebracht war. Damit habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht – die Mitglieder waren meist dankbar für den Hinweis.

«Man kann bei einem Gespräch mit Respekt sehr viel erreichen.»

Grossratspräsident ist man nicht nur im Ratssaal. Wo trifft man dich zwischen den Sitzungen?
Ich rechne mit etwa 150 Veranstaltungen, die ich im Präsidialjahr besuchen werde. Mein Fokus ist dabei aber klar bei kleineren Anlässen, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Dazu gehören Events von Personen mit Unterstützungsbedarf oder aus Kunst und Kultur. So findet man mich bei der Medaillenübergabe von Plussport oder auch bei Stand Up-Comedians. Ich habe schon Einladungen angenommen, wo man gar nicht glauben konnte, dass ich zusagte.

Was bereitet dir mehr Freude? Die Sitzungen oder Veranstaltungen?
Veranstaltungen sind schön und man trifft viele interessante Leute. Aber wer mich kennt weiss, dass ich immer ungeduldig bin und etwas machen muss. Ich gestehe also, dass die Leitung der Ratssitzung mir enorm Freude bereitet inklusive der dazugehörigen Vorbereitung. Die sind zwar sehr intensiv und anstrengend, aber es läuft die ganze Zeit etwas und vieles ist nicht planbar und man muss sofort entscheiden. Das ist genau mein Ding.

Dein Motto fürs Präsidialjahr lautet «Inklusion» – was bedeutet das für dich?
Alle gehören dazu. Punkt. Inklusion heisst, Politik so zu gestalten, dass alle Menschen mitgenommen werden – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht, Religion, Beeinträchtigung oder Lebensentwurf. Inklusion ist gelebte Verantwortung. Ursprünglich hatte ich vor allem Menschen mit einer Beeinträchtigung im Kopf. Aber beim Vorbereiten des Mottos musste ich erkennen, dass Inklusion viel mehr bedeutet. So wie Jesus Niemand ausgegrenzt hat, sollten wir das auch nicht tun.

«Inklusion ist gelebte Verantwortung.»

Hat dieses Motto auch mit deinem Engagement als Präsident der Stiftung Schloss Biberstein zu tun?
Definitiv. Dies hat sicher meine Denkweise beeinflusst und geschärft. Ich darf so auch immer wieder erfahren, welche Auswirkung Entscheide im Grossrat auf die Stiftung und auf die Menschen mit Unterstützungsbedarf haben. Und die sind leider allzu oft nicht positiv.

Wo siehst du für eine inklusivere Gesellschaft den grössten Handlungsbedarf?
Wir haben zu wenig Geduld und grenzen Menschen zu schnell aus. Mit etwas mehr Verständnis, Anteilnahme und Respekt könnte man einiges verbessern.

In bald 14 Jahren im Rat: Auf welche Erfolge bist du am meisten stolz?
Da gäbe es vieles. Aber die eine Geschichte beschreibt es am besten. An der ersten Präsidiumssitzung gab mir die damalige Präsidentin den Auftrag dafür zu sorgen, dass Vorstösse nur noch elektronisch und nicht mehr per Papier eingereicht werden. Sie meinte, dass ich mit meiner bestimmten, aber freundlichen Art das sicher in Ihrem Präsidialjahr schaffen werde. Gesagt getan. Ab der 2. Sitzung gab es keine Vorstösse mehr per Papier. Der Parlamentsdienst war darüber extrem erstaunt.

Beruflich führst du deine eigene Software-Firma. Wie schaffst du die Balance zwischen Beruf, Politik und Privatleben?
Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und meine Frau Andrea unterstützt mich immer grossartig. Ich trenne auch nicht zwischen Beruf, Politik und Privatleben. Für mich ist es einfach dieses eine Leben. Ich verbinde alles miteinander und kann so viele Synergien nutzen. Eine gute Liturgie im Gottesdienst gibt mir dann wieder Kraft und bei einer Wanderung oder einer Ausfahrt mit meiner Harley kann ich gut entspannen. 

In einem Interview hast du erzählt, dass du als Kind Bundesrat werden wolltest. Wie kam es, dass du dann dennoch der EVP – mit geringen Chancen für einen Bundesratssitz – beigetreten bist? 
Es ist eher Zufall, dass ich bei der EVP gelandet bin. Aber für mich passt das vollkommen. Der christliche Glaube ist für mich sehr zentral und steht über allem. Und genau das teile ich mit meinen Parteikollegen. Man ist nicht immer gleicher Meinung, aber man hat die gleiche Basis und findet sich immer wieder und das bei einer angenehmen Diskussionskultur. Was den Bundesrat betrifft: Das hatte ich eine Zeit lang vergessen – Karriereplanung ist nicht so meine Stärke.

Was würdest du heute deinem früheren Ich raten? 
Die Chancen besser nutzen und noch etwas mehr für die gute Sache kämpfen. Ich habe nicht immer erkannt, dass ich oder wir als Fraktion nahe an einem Erfolg waren und mit etwas mehr Engagement hätten wir eine Mehrheit gefunden. 

Es ist selten, dass die EVP ein kantonales Parlament präsidieren darf – im Aargau zuletzt vor 25 Jahren. Ist das auch eine Chance für die Partei? 
Als Präsident rückt zwar die Partei in den Hintergrund und man repräsentiert alle Parteien. Aber es ist klar, dass man auch ein Botschafter der EVP ist. Das bin ich mir bewusst und versuche unsere Werte auch bei den öffentlichen Auftritten zu leben. Das ist dann wohl die beste Werbung für die EVP. 

Hast du einen Wunsch für dein Amtsjahr als höchster Aargauer? 
Ich wünsche mir mehr Demut, mehr Hoffnung, mehr Dankbarkeit und mehr Inklusion. Denn:

«Demut hilft uns zuzuhören. Hoffnung hilft uns, dranzubleiben. Dankbarkeit hilft uns, Wertschätzung zu zeigen. Und Inklusion erinnert uns daran, für wen wir Politik machen: für alle.»

Lieber Urs, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute in deinem Präsidialjahr!

Urs Plüss, 55,

hat ursprünglich Elektromonteur gelernt und anschliessend Informatik und Betriebswirtschaft studiert. 1999 gründete er ein Softwareunternehmen, welches er noch heute leitet. Seit 2013 ist er EVP-Grossrat für den Bezirk Zofingen, in dessen Hauptort er zusammen mit seiner Frau wohnt.

Dieser Artikel von Dominic Täubert, Leiter Kommunikation EVP Schweiz, erschien in der Ausgabe 1/2026 des EVP-Mitgliedermagazins AKZENTE.